
Lederkunde
Was ist eigentlich Leder? Per Definition ist es zunächst einmal haltbar gemachte Tierhaut, wobei durch einen chemischen Prozeß die Fleischfaser in eine Lederfaser umgewandelt wird. Doch Leder ist natürlich nicht gleich Leder, und ratlos stehen wir oft in den Geschäften. Hier findet Ihr Antworten auf viele häufig gestellte Fragen.
Welche Lederarten gibt es?
Für Bekleidung werden überwiegend Lamm-, Ziegen-, Schweins- und Rindleder eingesetzt. Hirsch-, Rentier-, Gams- und andere Leder sind Spezialitäten, die - da mengenmäßig wenig bedeutend - hier keine nähere Betrachtung finden sollen.
Die erste wichtige Unterscheidung der Leder wird im allgemeinen nach den Lederarten getroffen: Nappa, Nubuk und Velours. Grundsätzlich kann man aus jeder Haut alle drei Lederarten gewinnen; dies schließt auch exotische Leder ein:
Nappaleder: (benannt nach der kalifornischen Stadt Napa) ist ein glattes Leder, bei dem man die Narbenseite, also die dem Körperinneren abgewandte Seite, ohne Fell erhalten hat. Für die Bekleidung haben hier vor allem Lammnappa, Rindnappa und Schweinsnappa Bedeutung, ferner ist noch Ziegennappa zu nennen.
Nubukleder: ist ein auf der Narbenseite, also der Nappaseite geschliffens Leder. Gebräuchlich ist vor allem Rindnubuk und Lammnubuk. Für den hochwertigen Jackenbereich gibt es bespielsweise sehr schöne (und teure), leichte und dünne Kalbsnubukleder.
Veloursleder: (im Umgangsdeutsch Wild- oder Rauhleder genannt) ist dadurch gekennzeichnet, daß die Fleischseite nach außen getragen wird; dabei wird die Fleischseite fein geschliffen. Hauptsächlich sind Ziegenvelours und das billigere Schweinsvelours (auch marketingmäßig aufgepeppt als Pig-Velours, Porc-Velours oder Pig-Suede bezeichnet) am Markt vertreten; seltener sind Rindvelours und Lammvelours.
Wie unterscheidet man die gebräuchlichsten Lederarten?
Nappaleder
Die verschiedenen Nappaleder lassen sich nach ihrem Narbenbild den verschiedenen Tierarten mehr oder weniger leicht zuordnen: Der Bewuchs (Wolle bei Lamm und Schaf, Haar bei Rind, Hirsch und Ziege, Borste beim Schwein) bestimmt maßgeblich das Bild. Nach der Entferung des Bewuchses bleiben in der Haut Einstichporen zurück: Sehr feine beim Lamm, etwas gröbere Narbenstrukturen beim Rind und kräftige beim Schwein. Jede Tierart hat also ihr eigenes typisches Narbenbild.
Lammnappa/Schafnappa: Feinporige Narbenseite, meist dehnfähiger als die anderen Bekleidungsleder. Lammnappa und Schafnappa stammt vom gleichen Tier (Lamm = junges Schaf, wobei ein Lammnappa nicht unbedingt von einem jungen Tier stammen muß).
Ziegennappa: Gröbere und deutlichere Narbenstruktur, auch weniger elastisch und meist viel störrischer als Lammnappa. Wurde früher als Nappa kaum eingesetzt, da minderwertiger; nunist es häufiger anzutreffen, da die Lammnappaqualitäten deutlich teurer geworden sind. Wegen der beschriebenen Eigenschaften nur ungern für hochwertigere Bekleidung benutzt.
Rindnappa: Etwas grobporigere Narbenbilder, sehr haltbar und formstabiler als Lammnappa. Kann sehr dünn geflazt werden. Höheres spezifisches Gewicht als die anderen Bekleidungsleder. Wird gern als ungespaltenes Vollleder für Motorradbekleidung eingesetzt.
Schweinsnappa: Meist stärker abgedeckte Leder mit deutlichen typischen kleinen Vertiefungen, die regelmäßig über die Fläche verteilt sind. Wird meist nur für Billigprodukte eingesetzt. Der oft gummiartige Griff kommt von einer dicken Farbschicht (macht man bei Schweinsnappa meist dann, wenn starke Oberflächenfehler abgedeckt werden sollen, und damit die Ware hochwertiger aussieht)
Veloursleder
Ziegenvelours ist das hochwertigste Velours; es ist feinfaserig, reißfest und kann dabei noch dünn gespalten werden.
Schweins- oder Porcvelours liefert ein preisgünstiges, aber auch wenig stabiles Leder, kurzfaserig und mit ausgeprägtem, typischen Porcbild. Das Leder hat tupfenartige typische Pünktchen auf der Oberfläche und ist daher auch leicht zu erkennen.
Porcspalt- oder Porcsplitvelours, der abgespaltene Teil unterhalb des Oberleders, ist noch weniger beständig als das ohnehin schon wenig reißbeständige Schweinsvelours. Mit großen Mengen an Farben abgedeckt, wird es sogar als Nappaimitation oder mit Foliendrucken versehen angeboten.
Viele Eigenschaften der verschiedenen Leder (glänzend, dick, dünn, weich, hart) können nicht zur Identifikation herangezogen werden, da diese stark durch die Gerbung und Zurichtung bestimmt werden und somit keinen Hinweis auf die Tier- oder Lederart zulassen
Was ist Anilinleder?
Man könnte meinen, mit Anilin sei ein Gerbverfahren gemeint, da man immer wieder von Anilinleder hört. Es bezieht sich allerdings auf die Färbung, unsprünglich mit der Farbstoffgruppe der Aniline. Kennzeichnend für ein Reinanilinleder ist, daß man sämtliche Hautstrukturen erkennen kann. Anilinleder haben meist einen superangenehmen Griff, und man kann je nach Farbe "in die Tiefe" des Leders sehen, weswegen als Rohware nur beste Sortierungen taugen. Natürlich schlägt sich das auch im Preis nieder. Besonderes Kennzeichen ist das Fehlen einer abdeckenden Farbschicht auf der Oberfläche.
Echte reinanilingefärbte Leder sind sehr empfindlich, wobei Schwarz noch geht, aber bei den wunderschönen aktuellen Cognactönen kann man schon nach prüfendem Angreifen die Fingerabdrücke durch Hautfett und Hautfeuchtigkeit erkennen.
Semi-Anilin ist eine Verfahrenskombination aus Anilin- und abdeckender Zurichtung, um ein unempfindliches Leder zu erhalten, das einen vergleichbar schönen Griff wie Rein-Anilin hat. Außerdem braucht man bei Semi-Anilin nicht die teuersten Sortierungen der Rohware zu verwenden.
Was ist Plongéleder?
Ganz recht, es hat etwas mit "tauchen" zu tun, wie der Französischkundige sofort bemerkt.
Damit ist ein faßgefärbtes (also durchgefärbtes - im Gegensatz zum rein oberflächengefärbten) Nappa gemeint. Ursprünglich sollte es für die ganz feinen Leder herhalten: die Rein-Anilinleder, das herrlichste, was man jemals in der Hand gehalten und gefühlt hat - aber auch das empfindlichste überhaupt.
Leider kann man heute nicht mehr automatisch Hochwertigkeit erwarten, wenn man ein plongé bestellt. Oftmals entlehnen die Marketing-Leute den Begriff nur für ein durchgefärbtes Nappa, auch mieser Abstammung.
Meist werden Plongéleder als Semianilin ausgeführt, da man ein hochempfindliches Rein-Anilin eigentlich niemandem zumuten kann.
Welches ist das beste Leder?
Die Qualität der ungegerbten Rohware hat einen großen Einfluß auf die Qualität des fertigen Produkts. Aus diesen Gründen kann auch nicht pauschal die Frage nach dem besten Leder beantwortet werden. Selbst ein Schweinsnappa kann besser sein als ein schlecht gemachtes Lammnappa. Die Qualität hängt nämlich von sehr vielen Faktoren ab.
Unter anderem ist entscheidend,
- für welchen Verwendungszweck das Leder bestimmt ist (z.B. auch, welche modische Aussage man treffen will),
- mit welchem Verfahren und mit wieviel Sorgfalt gegerbt wurde,
- welche Gerbchemie verwendet wurde,
- mit welchem Verfahren und mit welcher Art von Farben gefärbt wurde,
- wie sorgfältig die Lederhäute sortiert wurden
- wie sorgfältig der Zuschnitt und die Verarbeitung sind.
- Und dies ist nur eine kleine Auswahl qualitätsbestimmender Faktoren!
Man kann nicht pauschal sagen, diese oder jenes Leder sei das beste.
Es wäre genau so, als würde man sagen, Riesling sei der beste Wein, denn vom Riesling gibt es hervorragende und auch fürchterlich miese. Und beide nennen sich Riesling! Ich hoffe, so ist die Problematik ein wenig klarer geworden. Außerdem hängt es auch vom Verwendungszweck ab, der manche Lederart mehr oder weniger geeignet macht.
Deshalb: Leder nur im spezialisierten Fachhandel erwerben, andere Anbieter haben eigentlich nie die entsprechenden Kenntnisse!
(Anm. der Redaktion: Die Verkäufer(innen) im Fachhandel wissen aber leider auch nicht immer Bescheid. Also tut man gut daran, sich selbst schlau zu machen!)
Weitere Rubriken:
Ratgeber zum Lederhosenkauf (Qualitätsmerkmale, Auswahlkriterien)
Tipps zur Lederpflege (Reinigungstipps, Pflegehinweise)
Kürzen einer Lederhose (Anleitung Schritt für Schritt)

